Intention vs Attention

über gute Absichten und gelebte Aufmerksamkeit

Intentionen begleiten viele Menschen ganz selbstverständlich durch ihre Yogapraxis. Manchmal werden sie bewusst formuliert, manchmal sind sie eher ein inneres Gefühl, ein leiser Wunsch nach mehr Ruhe, Klarheit oder Verbindung. Eine Intention muss nichts festlegen. Sie ist eher eine Ausrichtung als ein Ziel, eher eine Haltung als ein Plan.

Und doch zeigt sich immer wieder, dass Intention allein wenig verändert, wenn sie nicht im Alltag verankert wird. Wir nehmen uns etwas vor – und stellen später fest, dass unser Erleben davon kaum berührt wird. Nicht aus mangelnder Disziplin, sondern weil unsere Aufmerksamkeit längst woanders gebunden ist. An dem, was laut ist. Dringend. Verführerisch.

Oder wie es sinngemäß heißt:

“Es reicht nicht zu wissen, wohin man will, wenn man nie dort hinschaut.”

Wohin unsere Aufmerksamkeit wirklich fließt

Mein Yin-Yoga-Lehrer Bernie Clark bringt diesen Zusammenhang immer wieder sehr klar auf den Punkt. Sinngemäß sagt er: Es ist weniger entscheidend, welche Intention wir setzen, als wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Denn dort sammelt sich unsere Energie.

„Where attention goes, energy flows.“


Ein Satz, der fast beiläufig klingt und doch viel von dem beschreibt, was wir im Alltag wie in der Praxis erleben. Unsere Energie folgt nicht unseren Vorsätzen, sondern unserem Fokus. Oft unbemerkt. Und sehr konsequent.

Intention in der Praxis – und was dann passiert

In der Yogapraxis lässt sich dieses Zusammenspiel unmittelbar erfahren. Du kommst mit einer klaren Ausrichtung in eine Haltung, vielleicht mit dem Wunsch nach Weichheit oder Loslassen. Und nach kurzer Zeit meldet sich etwas anderes: ein Ziehen, Widerstand, Ungeduld, ein innerer Kommentar.

Die Aufmerksamkeit ist nicht mehr bei der Intention, sondern bei dem, was sich gerade zeigt. Das ist kein Scheitern der Praxis. Im Gegenteil. Attention macht sichtbar, wo wir tatsächlich stehen – nicht dort, wo wir gerne wären.

Oder wie es in der Achtsamkeitspraxis oft heißt:
„Awareness is curative.“
Nicht, weil sie etwas repariert, sondern weil sie ehrlich macht.

Wenn gute Vorsätze eng werden

Viele Vorsätze verlieren ihre Leichtigkeit genau dann, wenn sie zu fest werden. Was als Einladung beginnt, wird allmählich zu einem inneren Vertrag. Aus einer offenen Intention wird ein Anspruch. Aus Neugier entsteht Kontrolle.

Gerade bei Themen wie regelmäßiger Praxis, gesünderer Lebensweise oder bewusster Ernährung zeigt sich das deutlich. Wir wissen, was uns guttun könnte – und verlieren dabei manchmal den Kontakt zu dem, was sich im Moment wirklich stimmig anfühlt.

Der Yogaweg erinnert immer wieder daran, dass Entwicklung nicht durch Druck entsteht.
„What you resist, persists.“
Auch das ist eine Erfahrung, die viele aus der Praxis kennen.

Ernährung als Feld der Aufmerksamkeit

Beim Essen wird dieses Spannungsfeld besonders spürbar. Fasten, Reduktion oder eine pflanzliche, vegane Ernährung können wertvolle Impulse sein, um Gewohnheiten zu hinterfragen. Entscheidend ist dabei nicht das Konzept, sondern die Qualität der Aufmerksamkeit, mit der wir ihm begegnen.

Geht es um Nährung oder um Kontrolle?
Um Klarheit oder um das Erfüllen einer Idee?

Der Körper reagiert oft feiner und ehrlicher, als wir es erwarten.

„The body doesn’t lie.“

Intention braucht Weite, Attention braucht Freundlichkeit

Intention darf offen bleiben. Sie muss nicht ständig überprüft oder verteidigt werden. Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass sie lebendig bleibt und sich verändern darf, wenn sich etwas verändert. Nicht streng, nicht wertend – sondern freundlich.

Und wenn du bemerkst, dass du dich verstrickst – im Ehrgeiz, im Durchhalten, im Vergleichen – dann ist genau dieses Bemerken Teil der Praxis. Nicht als Korrektur, sondern als Rückkehr.

Yoga erinnert uns daran, dass Üben kein gerader Weg ist. Es besteht aus Ausrichten, Verlieren und Wiederfinden. Intention gibt eine Richtung vor. Attention hält uns in Kontakt mit dem, was tatsächlich da ist.

Vielleicht liegt genau darin das, was uns wirklich trägt – nicht nur für einen bestimmten Zeitraum, sondern dauerhaft.

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Mindfulness over Matter